Nach einer eher kleinen, aber gemütlichen Runde für den Filmabend schloss die Themenwoche mit der HS-Bar ab. Die Oase war pumpenvoll und es bildeten sich dreizehn Gruppen für das Quiz. Studierende aller Semester sowie auch Dozierende bereiteten sich auf die einzig wahre Wahrheit vor.
Die Antike war gezeichnet von Verwirrungen und auch der Beginn des Mittelalters stellte sich als Herausforderung dar. Leider stellte sich das Wortlimit von Kahoot auch etwas in den Weg von sehr gut ausgearbeiteten Fragen, aber trotzdem gab es einige Gruppen, die richtig auswählten. Empfehlung trotzdem: geht mal wieder in eine Vorlesung von Kolb, Walser, Maier, Scholz, Zey und co. :-). Im Spätmittelalter gab es dann vermehrt Konsens und die Rangliste verfestigte sich.
Schon zu Beginn der allgemeinen Fragen stellte sich die Siegergruppe heraus: die Truthtellers, die dem Namen ihrer Gruppe gerecht wurden. Wir gratulieren zum Sieg und freuen uns natürlich darauf, Euch an der nächsten HS-Bar wieder begrüssen zu dürfen.
Wir gratulieren „THE TRUTHTELLERS“ zum Gewinn des Pubquiz in der Themenwoche 2024
Alles in allem war die Themenwoche aus Sicht des Fhist ein Erfolg und wir hoffen, dass auch Ihr eine spannende und spassige Zeit hinter Euch habt. Nun wünschen wir weiterhin viel Erfolg im Semester und bis zum nächsten Mal.
Dieser komplexen Frage widmeten sich an der gestrigen Podiumsdiskussion des Historischen Seminars Prof. Dr. Botakoz Kassymbekova, die neue Inhaberin des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte, Prof. Dr. Matthias Mahlmann, der Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Recht, Prof. Dr. Andreas Victor Walser, der Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der alten Kulturen, und Prof. Dr. Sylvia Sasse, die Inhaberin des Lehrstuhls für slavische Literaturwissenschaften. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Anina Streiff und Sasha Müri, zwei Geschichtsstudentinnen im BA. Die folgenden Ausführungen sind eine Zusammenstellung meiner Notizen und entsprechen nur sinngemäss den Aussagen der Anwesenden.
Schon in den beginnenden Plädoyers der Gäste zeigte sich die Vielschichtigkeit des Themas. Frau Kassymbekova stellte dem Publikum vor, wie sich die Wahrheit in der Sowjetunion entwickelte. Schon in ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit diesem Thema und benutzte den Begriff «Empire of Liars» als Beschreibung für das komplexe Propaganda-Regime der Bolschewiki. Die Angst vor Unwahrheit und darauffolgenden Repressalien ging so weit, dass sich eine Kultur des Schweigens oder des Unsinns verbreitet, um nur ja nicht den vielen Wahrheiten der Regierung zu widersprechen. Herr Mahlmann brachte die Diskussion in unseren Raum und in die heutige Zeit, indem er die Auswirkungen von Wahrheiten auf westliche Demokratien beleuchtete. So argumentierte er, dass in unserer Gesellschaft gemeinsame Wirklichkeiten unverzichtbar sind, wie etwa, dass ein Vegi-Burger vegetarischen Inhalt hat. Desweitern sei ohne einen gemeinsamen Wirklichkeitsbezug eine Demokratie nicht möglich. Die parallelen Welten ohne Realitätsbezug, so wie sie etwa in der Sowjetunion entwickelt worden sind, seien totalitäre Fiktionen, die zum Glück in einer derartigen Tiefe heute nicht mehr wirklich existierten. Trotzdem gäbe es Politiker und Herrscher, die durch ihre gehäuften Falschaussagen die epistemische Freiheitsordnung bedrohten. Herr Mahlmann schloss damit ab, dass er das Recht als ein Gerechtigkeitsprojekt bezeichnete, bei welchem auch immer die Erinnerung an die Realität der Opfer eine Rolle spielen sollte. So sollten gewisse normative Grundlagen absolut geltend sein und die menschliche Würde unverhandelbar verankert sein. Herr Walser konkretisierte die Bedeutung der Wahrheit anhand eines Rechtsfalles der 90er Jahre in den USA. Vor Gericht traten ein Philosoph und eine Klassizistin gegeneinander an, um die Bedeutung der Homosexualität im antiken Griechenland zu erklären. Obwohl das Gericht die Evidenz der beiden Wissenschaftler:innen als «inconclusive» bezeichnete, hatte dieser Rechtsstreit weiterführende Folgen für die Geschichtswissenschaften. Er zeigte auf, dass der Zwang zur Wahrheit vor Gericht für die historische Evidenz schwierig ist. So kann die wahre Sicht Platons nicht präsentiert werden, da seine Schriften bewusst vielstimmig geschrieben sind. Auch die Interpretationen von Quellen können vielstimmig sein und somit gibt es Wahrheit in den Geschichtswissenschaften nur allein, nicht aber zu zweit. Die Frage bleibt offen, wer nun die Instanz sein soll, die die historische Wahrheit bestätigt. Frau Sasse schliesst die Plädoyer mit einigen Worten über die Staatssicherheit der DDR und Hannah Arendt ab. Anhand eines von der Stasi verfassten Gedichtes sollte ein Künstler als Spitzel diskreditiert werden. Diese Quelle lügt über die Person, zeigt aber die Wahrheit über die Zersetzungspraktiken der Diktatur. So sollen wir uns mit der organisierten Lüge beschäftigen, um deren Hintergrund und Zweck zu erkennen. Ohne einen Funken Wahrheit funktioniert die Desinformation nicht, aber sie kann dahinter ein gewaltiges Lügenbild aufbauen.
Nach dem Einstieg folgte eine Fragerunde, in der zuerst die Moderatorinnen einige Fragen stellten und dann das Wort auch dem Publikum erteilten.
Wenn nur eine Wahrheit erlaubt ist, wie lange kann dann die individuelle Wahrheit bestehen?
Antwort Kassymbekova: In der Sowjetunion waren eher zu viele Wahrheiten vorhanden, die durch die kommunistische Partei vertreten wurden. Das machte das Leben schwierig, da man sich immer wieder anpassen musste oder angepasst wurde. Nach Jahren der Probleme wurde dann die Planwirtschaft so rigoros eingeführt, dass alles gemäss Quote erfüllt werden musste, egal ob es der Wahrheit entsprach oder nicht.
Wie viel subjektive Wahrheit hält eine Demokratie aus?
Antwort Mahlmann: Wir müssen dies als Grade systemischer Unsicherheiten betrachten. Gefährliche Gegenwelten können aufgebaut werden, wenn wir die zentralen Elemente der Demokratie nicht aufrechterhalten. Im Grundsatz ist die Demokratie eine Respektkultur und dies müssen wir durchsetzen, da ansonsten die Menschenverachtung politischen Erfolg haben kann.
Inwiefern können die Geschichtswissenschaften eine Basis für Entscheidungen der Gegenwart sein?
Antwort Walser: es geht in der Geschichtswissenschaft nicht primär darum, historische Fakten zu schaffen, sondern aufgrund der historisch belegbaren Fakten weiter zu forschen und so den Nebel der Vergangenheit zu lichten. Die spannenden Fragen können wir daher nicht immer so eindeutig klären, wie wir dies vielleicht gerne hätten. Als Geschichtswissenschaftler:innen bestimmen wir nicht die «eine» Wahrheit.
Wie viel Lüge hält ein Narrativ aus?
Antwort Sasse: In Narrativen von Propaganda-Apparaten kann beobachtet werden, dass nicht alles eine Lüge ist. Es braucht überprüfbare Wahrheiten, um die Lügen besser verkaufen zu können. Ein Problem entsteht hier durch die Vermischung von Fakten und Meinungen.
Konsensmeinung: Wir müssen für die Grundlagen unserer Kultur laut einstehen, ebenso für die Menschenrechte. Wir müssen unsere Erkenntnisse verteidigen und so den Wert der gemeinsamen Wahrheit stärken.
Die Podiumsdiskussion konnte die übergreifende Frage nicht beantworten, zeigte aber verschiedene Ansätze auf, wie mit der Wahrheit in der heutigen und gestrigen Welt umgegangen wird. Die folgenden Tage der Themenwoche bieten eine Vielzahl an weiteren Einblicken zu diesem schwierigen zu fassenden, aber doch so zentralen Begriff der «Wahrheit». Wir wünschen viel Spass und Erkenntnis.
Zwei Stunden wird hier die Wahrheit vermittelt.Ein gut gefüllter Saal verfolgt die Diskussion.Das wichtigste am Abend – der Apéro.
Es war schon am eindunkeln, als wir uns in Aarau vor dem Obertorturm trafen. Das 64 Meter hohe Monument der Aarauer Stadtgeschichte ragte über uns, Felix Hoffmanns Totentanz zog den Blick auf sich. Unter der Führung unseres vereinseigenen Aarauer Historikers stiegen wir die Treppen hoch und auch noch weit hinunter und begutachteten historische Räumlichkeiten und Gegenstände, die fast 800 Jahre Geschichte erzählten. So schrieben etwa Gefangenen noch in der frühen Neuzeit (bis spät ins 19. Jh.) an den Wänden ihrer Zellen:
Hier in dieser Gefangenschaft habe ich den Entschluss gemacht, in der Zukunft treu zu sein, weil ich nicht will immer gefangen sein.
Unbekannt, wohl 19. Jh. Obertorturm Aarau
Obwohl der Turm seit dem Mittelalter ein Gefängnis war, war wohl eine der wichtigsten Aufgaben des Turmwärters, nach Feuer Ausschau zu halten. Denn Brände waren für die mittelalterlichen Städte die grösste Gefahr. So hatten Brandstifter mit den schwersten Strafen zu rechnen, wie auch die Hexen. Derer gab es auch in Aarau, aber nicht etwa so viele wie im geradezu teuflischen Luzern. In Aarau sind sechs Hexenprozesse bekannt, darunter sogar eine Begnadigung. Margaret Schäfer wurde nicht bei lebendigem Leibe verbrannt, sondern gnädig mit dem Schwert enthauptet, da sie den Pakt mit dem Teufel (wohl eher ein schwerer Schlaganfall) nicht willentlich eingegangen war.
In den oberen Stockwerken des Turmes gab es aber noch angenehmere Räume, etwa die Wohnung des Turmwärters und den Technikraum der Turmuhr. Diese funktioniert seit 1532, vielleicht auch, weil es keinen Minutenzeiger hat, der die Mechanik verkomplizieren würde. So hat sich der damalige Entscheid der Stadt bewährt. Noch heute muss alle anderthalb Tage ein pensionierter Buschaffeur die Uhrengewichte nach oben ziehen, damit die Funktion der altehrwürdigen Zeitmaschine sichergestellt ist.
Ganz oben unter dem Dach befindet sich der modernste Teil des Turmes, ein Glockenspiel aus dem späten 20. Jahrhundert. Dieses erklingt noch heute immer wieder bei Konzerten und Anlässen der Stadt. Alles in allem bot uns der Obertorturm einen spannenden Abend und gab uns vielerlei neue Informationen zum Mittelalter und vielleicht sogar Ideen für wissenschaftliche Arbeiten an der Uni Zürich, da doch einiges aus der Aarauer Geschichte zu diesem alten Turm noch nicht erforscht ist.
Graffiti in den Zellen des Turms.Ein Querschnitt des Turms, der die gewaltigen Mauern und die Unterteilung des Turms aufzeigt.Der gemütliche Raum war wohl früher das Schlafzimmer des Turmwärters.Hier spielt die Musik, wenn das Glockenspiel über der Aarauer Altsadt erklingt.Die Aarauer Altstadt, prominent die Rathausgasse mit dem Rathaus an ihrem Ende.Die Vordere Vorstadt führt heute zum Aargauer Platz und dem Regierungsgebäude des Kantons.
Am Fachvereinstreffen wurden wieder einmal wichtige Themen für die Geschichtsstudierenden besprochen. Die sinkenden Studierendenzahlen an der Philosophischen Fakultät beschäftigen alle Stufen der Universität. Wieso ist Geschichte nicht mehr so begehrt?
Die Modulbuchung, immer noch ein Dorn für uns Geschichtsstudierende, hat auch dieses Semester zu Beschwerden geführt, die an uns gelangt sind. Wie kann das Historische Seminar hier Abhilfe verschaffen?
Nach der spannenden und gut besuchten Themenwoche „Widerstand“ im letzten Semester wird es auch 2023 wieder eine ähnliche Aktion des Historischen Seminars geben. Aktuell läuft die Vorbereitung und studentische Mitsprache ist erwünscht. Welche Themen hättet Ihr gerne?
Ein langes Treffen des Fachverein hat gewisse Antworten geliefert, aber viele suchen wir noch. Wenn Ihr interessiert sein, an den Diskussionen teilzuhaben, kommt an unsere Veranstaltungen, tretet dem Geschichtsforum oder direkt dem Fhist bei.
Wir freuen uns immer auf neue Stimmen und Perspektiven!
In den Diskussionen zu den Statutenänderungen im Herbst 2023 und Frühling 2023 gab es viele lange und intensive Diskussionen, so etwa auch zum neuen Namen unseres Fachvereins. Auf den Start des Herbstsemesters liessen wir ein neues Logo erstellen, welches uns einen frischen Wind geben soll. Seit der mühsamen Corona-Zeit hatten wir Probleme mit Mitgliederzahlen und Teilnehmern an unserer Veranstaltung.
Im Herbstsemester 2023 kommen wir mit neuer Energie zurück und haben einen neuen Namen: Fhist, sowie ein neues Logo und eine neue WhatsApp-Community. Wir begrüssen alle ganz herzlich zu einem neuen Semester und hoffen darauf, dass uns viele neue und alteingesessene Studierende an unseren Veranstaltungen besuchen und sich unserer Community anschliessen. Wir sind auf Eure Meinung zu unipolitischen Themen angewiesen und machen gerne mit Euch Exkursionen, Spieleabende und gemütliche Bars.